Samstag, 3. Oktober 2015

Vor den Publizisten-Clubs

"Ein einfacher Mann vom Lande, kommt eines Tages an die Tür des Gesetzes, bittet um Einlass, welcher ihm jedoch verwährt* bleibt, da der Türhüter ihm sagt, dass es zwar möglich sei, aber nicht zu diesem Zeitpunkt, und versucht es immer wieder mit verzweifeltem Bitten um Einlass." (Franz Kafka, Vor dem Gesetz)

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Ja, sagt ein Freund, er habe ja so Einiges veröffentlicht in seinem bisherigen Leben und werde es weiterhin tun. Er werde, das, was er schreibe, veröffentlichen. Aber das Betteln an den Machtpositionen der Rundfunkanstalten, der Zeitungen und der Verlage, das sei ihm inzwischen so was von zuwider! Dabei wisse er ja -- das mit dem Anfragen, mit dem Betteln, das gehöre dazu. Das sei Teil des sozialen Machtspiels in einer Gesellschaft. Ein Lektorat, einen Redakteur zu überzeugen, dass das, was man geschrieben habe, es wert sei, vom Verlag X, der Zeitung Y veröffentlicht zu werden. Aber mit zunehmendem Alter sei er sich einfach zu schade für dieses Spiel mit den im Durchschnitt doch recht unintelligenten Türstehern des Publizisten-Clubs. Er veröffentliche jetzt in einem winzig kleinen Verlag und er überlege auch, einen Blog zu schreiben. 

Ich zumindest bin gespannt auf seine nächsten Bücher und Blog-Einträge.

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* verwährt steht da tatsächlich, bei frustfrei-lernen.de. Ist das wieder eine dieser Neurechtschreib-Kapriolen? jem. etwas verwehren, aber: jem. etwas gewähren, gilt das nicht mehr? Und wenn es brennt, dann kommt die Feuerwähr?

Dann noch die andere Fassung, bei der das verwehren fehlt: "Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. »Es ist möglich«, sagt der Türhüter, »jetzt aber nicht.« (gutenberg.spiegel.de)

Vielleicht wird man eines Tages doch feststellen, dass der Sittenverfall und der kulturelle Niedergang tatsächlich im Jahr 1996 mit einer "Rechtschreibreform" begann.